Am Ausgang der Allianz-Arena in München wartete nach dem Champions-League-Viertelfinale noch ein junger Mann mit Fotokamera auf die Fußballprofis des FC Barcelona. Er sprach sie nicht sehr schüchtern an. „Hey, Iniesta!“, rief er etwa und winkte Barças Musterspieler mit einer unwirschen Handbewegung herbei. Er bekam sie alle vor seine Kamera. Denn es war Franck Ribéry, der nach seinem Ausscheiden mit Bayern München im Champions-League-Viertelfinale wie der hartnäckigste Fan stoisch ausharrte, um drei Freunde aus der Heimat Arm in Arm mit jedem einzelnen seiner Bezwinger abzulichten. Für seine Besucher aus Marseille war es offensichtlich das Größte, was der große Fußballer Ribéry vollbringen konnte: Er kennt Messi und Henry, er spricht sie für uns an!
Wo Barça dieser Wochen auch erscheint, lässt es Bewunderer zurück. „Diese Mannschaft ist das stärkste Antidepressivum, das existiert“, glaubt Barças Präsident Joan Laporta. Doch Ribérys Fotos erinnerten an Abschiedsbilder am letzten Ferienabend. Die Unbeschwertheit bleibt zurück. Denn an diesem Dienstag wartet im Halbfinale erstmals in dieser Saison ein ebenbürtiger Gegner auf Barça. Dass es der FC Chelsea ist, nennt man Schicksal.
Barça gegen Chelsea ist der jüngste Klassiker des Fußballs. In achten Partien trafen die beiden seit 2000 in der Champions League aufeinander; jedes Mal war es ein Zusammenstoß, elektrisch geladen. Oft waren es ultimative Siege oder Niederlagen.
Das Aus gegen Chelsea im Viertelfinale 2005 nach einer epischen 2:4-Niederlage an der Stamford Bridge stellte Barça tragisch als naive Schöngeister bloß. Selbst der buddhistisch ruhige Trainer Frank Rijkaard wollte sich damals mit englischen Ordnern prügeln, unterstützt vom immerzu emotional überladenen Stürmer Samu Eto’o.
Der Sieg über Chelsea im Achtelfinale 2006 dagegen schrie es in die Welt, dass das Barça Ronaldinhos niemand aufhalten würde. Barças 2:1-Sieg im Hinspiel in London war die fußballerische Geburtsstunde von Leo Messi, der Chelseas Außenverteidiger Asier del Horno bis zur Lächerlichkeit vorführte. Beim 1:1 im Rückspiel lieferte Barça die perfekte Schau. Das Mittelfeld mit Deco, Edmílson und Thiago Motta besetzte Positionen, raubte den Ball und zog los, mit einer Geistesgegenwärtigkeit, mit einer Intensität, dass Chelsea, dieses maschinelle Ungeheuer, qualvoll erstickte.
Bei den Vorrundenduellen im Herbst 2006 schoss Frank Lampard ein Tor, das für immer bleibt. Einen einzigen Meter vor der Torauslinie, acht Meter links vom Tor, drehte sich Chelseas Mittelfelddominator um die eigene Achse und hob den Ball aus totem Winkel ins entfernte Toreck. Es schien eine physikalische Unmöglichkeit. Die, die machtlos erleben, wie ihr Gehirn gegen ihren Willen Details von Fußballspielen speichert, werden dieses Tor für immer bewahren.
Erst Chelsea wird die Schönheit Barças 2009 wirklich messen.
„Wir müssen eine Trophäe in den Himmel stemmen“, sagt Trainer Pep Guardiola, „oder alles, was wir dieses Jahr geleistet haben, bleibt eine romantische Tat, eine Arbeit ohne Sinn.“ Für die, denen Barça dieses Jahr nur einmal leibhaftig begegnet, ist ihr Fußball offenbar eine Art Erscheinung. Ein Satz kam in München aus allen Mündern der Bayern: „So einen Fußball wie von Barça beim 4:0 im Hinspiel habe ich noch nie gesehen.“ Wer sie zum ersten Mal sieht, empfindet die Schwerelosigkeit und die Endlosigkeit ihres Kombinationsspiels als Offenbarung: Dafür wurde Fußball erschaffen; dass er so gespielt wird. Wer Barça jedoch jede Woche sieht, lebt mit der Angst. Der Furcht, dass der Moment kommen wird, wenn die Schönheit stirbt; dass ein Chelsea kommen wird, so wie es 2005 kam.
Denn oft im Ligaalltag überlisten Teams der Bescheidenheit wie Getafe Guardiolas Barça bei Eckbällen. Oft legen beliebige Gegner wie Santander mit punktuellem Pressing gegen den Ball das Mittelfeld lahm. Fast immer bleiben es in der Liga Phasen eines Spiels, und am Ende kommt Barça davon. Aber immer bleibt eine Frage zurück: Wäre das gegen ein Liverpool, ein Chelsea gut gegangen?
In München vor zwei Wochen klickte, wie zum Abschied von der sorglosen Zeit, am Stadionausgang Ribérys Pocketapparat. Er hatte jetzt Messi vor der Kamera und ein Fan in weiß-schwarzer Baseballjacke wollte auch ein Bild mit dem Barça-Star. Es war Bayerns Stürmer Lukas Podolski.
Ronald Reng ist Autor des besten deutschen Fußball-Buchs: „Der Traumhüter“. Es erzählt die wahre Geschichte des Torwarts Lars Leese, der den Sprung von der Kreisliga Westerwald in die englische Premier League schaffte.
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