van Gaal
Por Ronnie Reng

Wenn die Leute über jemanden sagten, „Entweder man hasst ihn oder man liebt ihn“, dachte ich immer, na ja, jetzt übertreibt mal nicht. Bis ich Louis van Gaal kennen lernte.

 

Es war März 1995, er würde in wenigen Tagen mit Ajax Amsterdam gegen den FC Bayern München das Halbfinale der Champions League bestreiten. Er watschelte in Badeschlappen durch den alten Trainingskomplex von Ajax, alles an ihm war gigantisch, der Bauch, der Hals, der Kopf. „Guten Morgen, Herr van Gaal, ich hatte ein Interview mit Ihnen ausgemacht“, sagte ich. „Nein!“, brüllte van Gaal, „Sie haben ein Interview mit David Endt verabredet!“ Ajax’ Pressesprecher hatte das Gespräch arrangiert. Nachdem er dies grundsätzlich klar gestellt hatte, bat Louis van Gaal höflich in sein Büro.

 

Ich war noch etwas verstört und in meinem Kopf drehte sich im Kreis der Gedanke, was er mit seinem Anfall nur hatte sagen wollen: Dass ihm ja nichts an dem Interview liege, dass er es nur aus Pflichtgefühl gebe? Oder hatte er mich, wie seine Spieler, hysterisch bloß auf den klitzekleinsten, unbedeutendsten Fehler hinweisen wollen? Wir setzen uns. Er unterbrach meine erste Frage mit erhobenem Zeigefinger: „Stopp. Ich will, dass Sie ein gutes Interview schreiben, verstanden, wie dieses hier“, er kramte im Schreibtisch und holte eine Ausgabe des Kicker-Sportmagazins heraus: „Das war sehr gut.“   

 

14 Jahre später gibt der FC Bayern nun bekannt, er habe den 57-jährigen Niederländer als Trainer für die neue Saison verpflichtet. Da darf ich schon mal sagen: Na, herzlichen Glückwunsch. Van Gaals Strategie und Methodik sind unbestritten, jenes Ajax-Teams von 1995 um Jari Litmanen sowie Danny Blind und mit Frank Rijkaard in seinen späten Jahren als Innenverteidiger, gewann die Champions League mit taktisch erstaunlichem, attraktivem Fußball. Später gewann van Gaal mit dem FC Barcelona 1998 das spanische Double. Doch schon da ließ sich erkennen, dass er als Fußballtrainer öfters scheitern als siegen würde. Er stritt mit der halben Welt, etwa den Stars des Teams, Rivaldo und Stoitschkow. Legendär wurden in Barcelona weniger seine Triumphe als sein Geschrei. Bis heute hat er in Spanien den Spitznamen Yo pienso. Ich denke. Weil er jeden Satz so begann.

 

Vor einigen Wochen schlug der Herr Ich denke in Alkmaar einen Fernsehkameramann eine runter.

 

Wohin er kam, seine cholerischen Ausbrüche und seine enorme Unflexibilität belasteten noch jedes Arbeitsklima. Er natürlich würde es unbeugsamen Willen nennen. Van Gaal erträgt Spieler nicht, die sich seiner taktischen Totalherrschaft widersetzen. Van Gaal akzeptiert nicht, dass Präsidiumsmitglieder oder der Sportdirektor Einfluss auf die sportliche Arbeit nehmen. Wer ihn akzeptiert wie er ist, wird auch liebenswürdige Seiten an ihm finden, Korrektheit, große Loyalität. In München aber trifft er auf einen Star wie Franck Ribéry, der findet, Defensivarbeit könnten doch die anderen machen, auf einen Manager Uli Hoeneß, der dem letzten Trainer diktierte, im Tor müsse aber Michael Rensing spielen, dem habe er das versprochen, sowie auf Franz Beckenbauer, der den ganzen Tag redet, was er will, und selbstverständlich auch über den Trainer. Dazu gesellen sich noch drei Boulevardzeitungen, die den Trainer täglich reizen.

 

Es wird garantiert lustig. Nur ob es länger als acht Monate währt, da wäre ich mir nicht sicher.

 

Im April 1995 klingelte mein Telefon. Es war der Morgen des Champions-League-Halbfinals gegen den FC Bayern - und Louis van Gaal am Apparat. Er war gar nicht böse, sondern wieder einmal sehr ehrlich, und ein wenig gekränkt. Er habe die Reportage über Ajax gelesen, sagte er mir, „Sie haben gar nicht viele Zitate von mir benutzt!“

 

Ronald Reng ist Autor des besten deutschen Fußball-Buchs: „Der Traumhüter“. Es erzählt die wahre Geschichte des Torwarts Lars Leese, der den Sprung von der Kreisliga Westerwald in die englische Premier League schaffte.

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