Ein Mann wie ich, nun auch schon dem 40. Geburtstag gefährlich nahe, hat immer noch gute Gründe, auf David Beckham neidisch zu sein. Heute Morgen im Café sah ich wieder sein Foto in der Zeitung, und er sieht mit 33 noch immer umwerfend gut aus - verdammt! Aber gleichzeitig machte mich das Foto traurig. Denn das Bild zeigte Beckham an seinem neuen Arbeitsplatz in Mailand, aber nicht auf dem Fußballplatz, sondern als Gast einer Armani-Modeschau. Das Bild symbolisierte, was aus Beckham geworden ist: eine Mode-Ikone, die nebenbei immer noch ganz passabel Fußball spielt.
Dass Beckham nun seinen Vertrag beim großen AC Mailand bis Saisonende verlängerte, wollen uns die Zeitungen als Beweis seiner Auferstehung als Fußball-Superstar verkaufen. Es sind dieselben Zeitungen, die uns noch vor zwei Monaten erklärten, er sei als Fußballer am Ende. Der Sport lebt von der Übertreibung, für Medien wie Fans sind Figuren wie Beckham immer entweder ganz schlecht oder ganz super, und im Grunde müsste man dazu nichts mehr sagen. Doch da mich nun seit Wochen Freunde und Bekannte löchern, wie gut Beckham denn derzeit wirklich noch sei, möchte ich hier gerne etwas dazu sagen.
Ich interviewte ihn das erste Mal 1997, als er mit 21 nur einer von vielen guten, jungen Spieler im aufstrebenden Team von Manchester United war. Er war damals beim Interview ein Junge, der gerne etwas sagen wollte, aber nicht so recht wusste, was (und ich war damals beim Interview ein Junge, der gerne Englisch reden wollte, aber nicht so recht wusste, wie). Seitdem verfolgte er mich oder ich ihn, ich wurde gar David-Beckham-Korrespondent für japanische Zeitschriften, die etwa verlangten, ich sollte seine einmalige Freistosshaltung auf sechs Seiten analysieren. Ich habe immer eine Schwäche für ihn gehabt (als Fußballer, meine ich – nur, falls meine Frau das hier liest!).
Nun, mit 33, ist Beckham ein passabler Mittelfeldakteur, der noch ganz gut mitspielen kann, der mit seinem wunderbaren Ballgefühl immer mal wieder wichtige Pässe geben und das eine oder andere Tore schießen wird – der aber in den reifen Jahren seiner Karriere keine echte, keine nachhaltige Aufregung auf höchstem Niveau mehr auslösen wird. Er hat Explosivität und Dynamik verloren, zwei Eigenschaften, die sowieso nie zu seinen Stärken gehörten. Die Mitspieler müssen ihn den Ball nun in den Fuß passen, ginge der Pass in den freien Raum vor ihm, wäre der gegnerische Außenverteidiger meist vor ihm da; für einen Flügelspieler ist das ein herbes Manko. So wäre die bessere Position für ihn heute statt auf der rechten Außenbahn halbrechts im Mittelfeld, wo er mit seiner überragenden Technik erstklassige diagonale Pässe für die Stürmer spielen oder auf engem Raum den Ball halten könnte. Doch ist er für eine absolute Spitzenelf auf dieser Position defensiv im Zweikampf zu schwach. Zusammengefasst lässt sich sagen, Beckham kann als Ersatzspieler der englischen Nationalelf mit seinen Freistössen, Eckbällen und Pässen durchaus noch punktuell Impulse geben, aber ein Vereinsteam, das Wochenende für Wochenende auf ihn als tragende Säule setzt, kann keine europäische Spitzenmannschaft sein. Einen lebendigeren Rechtsaußen gibt es nun ganz sicher auch in England, Arsenals - derzeit verletzter - Theo Walcott.
David Beckham ist jetzt einfach ein ordentlicher, ein gewöhnlicher Fußballer. Aber noch immer ein außergewöhnlich schöner Mode-Star. Verdammt!
Ronald Reng ist Autor des besten deutschen Fußball-Buchs: „Der Traumhüter“. Es erzählt die wahre Geschichte des Torwarts Lars Leese, der den Sprung von der Kreisliga Westerwald in die englische Premier League schaffte.
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